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Presse
BZ vom
18.10.2010
Humor ist eine ernste Sache
Das Junge Theater Nellie Nashorn und Les Hippopotames zeigen "Das Büro
des Humors"
LÖRRACH. Tanz und Theater, Sprache und Rhythmus, Witz und Kritik — das alles
vereint das gelungene Gemeinschaftsprojekt des Jungen Theaters Nellie
Nashorn mit Les Hippopotames aus Frankreich. Kürzlich war die Premiere im
Hans-Thoma-Gymnasium.
Augenscheinlich absurde Arbeit verrichten die Mitarbeiter im Büros des
Humors. Aber wie kann man Humor denn auch mit Ernst angehen? Denn um den
geht es schließlich, wenn dort Tag für Tag Akten über den Tisch geschoben
und mit übertriebenem Eifer und viel Lärm mit Stempeln übersät werden.
Übertriebene Gesten bleiben das gängige Stilmittel des Stückes; einzelne
Handgriffe werden vergrößert, aufgeplustert und wirken somit noch
sonderbarer.
Die Schar schwarzweiß uniformierter Beamter eilt geschäftig umher, reicht in
eingespielten Gesten gewichtig Dokumente umher, vermisst, analysiert und
horcht Scherzartikel ab, um schließlich abwechselnd in Französisch und
Deutsch ihre Erkenntnisse zu verkünden. Diese groteske Situationskomik
animiert das Publikum zu lautem Lachen. Und das, obwohl — oder gerade weil —
die Angestellten des Büros ihre Aufgaben mit Professionalität und dem dazu
nötigen Ernst verrichten: Synchron knöpfen sie abends die schwarzen Jacketts
auf und bringen sich, um den einzigen Tisch versammelt, stehend oder auf ihm
sitzend, in Schlafposition. Der Sinn ihrer Arbeit, von den jungen Akteuren
als eine tänzerische Choreografie seltsamer, aneinandergereihter Tätigkeiten
dargestellt, erschließt sich den Zuschauern erst im Laufe des Stückes. Man
erfährt, dass die Uniformierten im Dienst des Staates Humor und alles, was
dazugehört, auf seine Tauglichkeit überprüfen, bevor er offiziell zugelassen
wird. Sie befolgen dabei strikte Regeln, die ihnen die Regierung vorgibt,
und überwachen sich gegenseitig mit Argusaugen. Wer außerhalb der Bürozeiten
lacht, oh la la, der wird gleich mehrfach (und selbstverständlich bilingue)
an seine Vorgaben erinnert. Sprache wird zu einem rhythmischen Element, dass
die Optik verstärkt; die Zweisprachigkeit fungiert als Echo, wenn die
äußerlich schwer auseinander zu haltenden Angestellten wie Marionetten das
Gesagte mehrmals in den verschiedenen Sprachen wiederholen.
Trotz der völligen Losgelöstheit von Zeit und Raum und dem vordergründig
rein unterhaltsamen Charakter des Stücks klingt deutlich Sozialkritik mit:
eine Anklage an die Bürokratisierung und die Verkopfung der Gesellschaft im
Allgemeinen. Im Zeitalter der Lachseminare und Selbstfindungstrips sollte
diese Kritik durchaus nicht auf taube Ohren stoßen.
Im Falle des "Bureau de l’humour" bietet sich letztendlich ein Ausweg aus
der Absurdität. Ein Fremder, der in das von der Außenwelt abgeschirmte Büro
eindringt, erzählt den Angestellten von "draußen" und öffnet für sie seinen
Koffer voller Erinnerungen an eine längst vergessene Zeit. Er gemahnt sie
daran, was wahre Freude ist, und überzeugt sie so schließlich, aus ihrer
Isolation auszubrechen.
Dilbahar Askari
Die Oberbadische vom 13.10.10
Wann darf gelacht werden?
„Büro des Humors“ mit dem Jungen Theater Nellie Nashorn und „Les Hippopotames“
Lörrach (dr). Das aktuelle Theaterstück „Büro des Humors“ des Jungen Theater
Nellie Nashorn ist so aktuell, als sei es erst vor zwei Wochen erarbeitet
worden. Dabei ist die Koproduktion zusammen mit „Les Hippopotames“ aus
Frankreich, die jetzt vier Mal in der Aula des Hans- Thoma-Gymnasium
aufgeführt wurde, bereits ein Jahr lang vorbereitet worden.
Das Büro des Humors ist ein staatliches Ministerium, in dem das Lachen
verwaltet wird. Hier wird das Lachen auf seine Alltagstauglichkeit geprüft,
genehmigt oder abgelehnt. Beamte entscheiden, ob Gags, Witze, Kalauer,
Situationskomik, schwarzer und kindischer Humor lustig sind und somit für
die Außenwelt freigegeben werden können.
Dabei hält sich die Bürokratie mit immer neuen Mitarbeitern selbst am Leben.
Zusehends verlieren sie dabei den Kontakt nach draußen zu den Menschen.
Plötzlich dringt ein normaler Mensch von außen in die heile Welt der
Ministerialbeamten ein. Diese erkennen mit einem Mal, dass sie gar nicht
mehr wissen, wie es „draußen“ überhaupt aussieht und was die einfachen
Menschen denken und fühlen. Hier liegt die Brisanz des Stückes. Ob
„Stuttgart 21“ oder der Ausstieg aus dem Atomausstieg - in letzter Zeit
fragen sich etliche Bürger zunehmend, ob „die da Oben“ überhaupt noch
wissen, was die Menschen denken, fühlen und wollen.
Das Theaterstück wurde von den 14 Jugendlichen aus den beiden Nachbarländern
komplett zweisprachig erarbeitet. Alle Sätze werden in beiden Sprachen
gesprochen. Mit viel Tiefgang hatten Birgit Vaith und Nicolas Turon das
Stück inszeniert. Viele Passagen wurden pantomimisch oder mit tänzerischen
Elementen äußerst plastisch dargestellt.
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