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Presse
BZ vom 19.05.2010
Flucht endet in den Armen des
Schicksals
Anspruchsvolles Spiel mit Bildern: "Justin Case" des Jungen Theaters
Nellie Nashorn
Im Flugzeug als Symbol für die Geschwindigkeit, mit der die Titelfigur
scheinbar unaufhaltsam auf den Absturz zurast, saß bei der Premiere des
neuen Stücks "Justin Case" des jungen Theater Nellie Nashorn auch das
Publikum. Von einer Stewardess freundlich an Bord willkommen geheißen und
mit einer Kotztüte ausgestattet gelangte man an seinen Platz. Das Utensil
brauchte später zwar keiner, aber allzu bequem konnte man sich dort auch
nicht einrichten. Dazu warteten auf dem Flug der "Airuption" -Maschine durch
die Geschichte von Justin Case zu viele Turbulenzen auf die Figuren des
Stücks und die Zuschauer. Es hieß, knapp zwei Stunden konzentriert
zuzuhören, weil das Ensemble die Geschichte sehr dicht erzählte.
So lange war es im Nellie Nashorn mucksmäuschenstill — wenn nicht gerade
gelacht wurde. Denn in der neuen Inszenierung kommt zwischen Ruppig- und
Zärtlichkeit wie gewohnt der schwarze Humor nicht zu kurz. Dieser 15jährige
Junge namens David Case, dessen Leben aus den Fugen gerät, als er seinen
kleinen Bruder im letzten Augenblick vor einem Sturz aus dem Fenster rettet,
ist sich sicher, dass das Schicksal wieder zuschlagen wird. Deshalb ändert
er seinen Namen, trägt verrückte Klamotten und legt sich einen imaginären
Windhund zu. Es ist der Versuch, als Jugendlicher im magischen Denken von
Kindern zu verharren. Die Metamorphose scheint gelungen David gibt es nicht
mehr. Deshalb kann ihm auch nichts mehr passieren. Oder doch?
Zwar beginnt er in der
Hoffnung, schneller zu sein als all die tödlichen Gefahren, die auf ihn
lauern, zu laufen, dabei landet er aber geradewegs in den Armen des
Schicksals, das ihn ruhig erwartet hat — mit der größtmöglichen Explosion.
Beeindruckend, wie die fünf Spielerinnen und Spieler unter Regie von Birgit
Vaith mit wenigen Hilfsmitteln — einem Garderobenständer mit Kleidern und
einer Holzkiste, die das Schicksal verschiebt und einrichtet - und vollem
Körpereinsatz das Drama auf engstem Raum zur Entfaltung bringen. Das öffnet
immer wieder Räume im Spiel wie in der Imagination. Man mag es kaum für
möglich halten, dass "Justin Case" für Dorothea Lindenblatt (das Schicksal,
Stewardess) und Felix Rothenbacher (Justin) die Bühnenpremiere war. Gerade
in der Titelrolle galt es, neben dem Beherrschen des Textes viel über den
Ausdruck zu spielen, das quälende Hin- und Hergeworfen zwischen früher
Kindheit und Erwachsensein, wo der Junge ganz andere Züge trägt, oder auch
den Umgang mit seinem imaginären Hund.
Auch Lukas Löffler (Freund Peter, Vater, Modeschöpfer), Tina Fritsch (Agnes)
und Maren Hätty (Mutter, Lehrerin, Peters Schwester) agieren sicher und
ausdrucksstark in ihren Rollen — Personen, die Justin immer wieder
Starthilfe und Spiegelungen geben. Das Timing stimmt. Wie vom JTNN nicht
anders gewohnt hat das Ensemble den neuen Stoff zu seinem gemacht. Der
besondere Blick auf Justins Entpuppung zum Schmetterling mit Bildern trägt.
Und so ist auch das neue Stück, so anspruchsvoll es während der kompletten
Dauer ist, sehenswert.
Die
Oberbadische vom 17.5.10
Kein Halt, kein Ort, kein Ich
Junges Theater fragt nach Identität
Von Dorothea Gebauer
Das Spiel auf der Bühne gibt sich äußerst hektisch und explosiv. Chaos,
Katastrophenstimmung dominieren. Erwachsenwerden, so das Stück „Just in case“
des Jungen Theaters Nellie Nashorn ist ein Weg voller Krisen, in denen die
bohrenden Fragen nach Identität und Sinn gestellt werden. Kein
sonnenumfluteter Pfad also, sondern ganz viel Stress.
David Case (Felix Rothenbacher), der Protagonist rettet in letzter Sekunde
seinen kleinen Bruder davor, aus dem Fenster zu fallen. Das „Schicksal“ hat
sich eingemischt, hat gehandelt. Nur warum? Von Stund an ändert sich sein
Leben,
das Spiel mit Rollen,
Beziehungen, Schauplätzen beginnt. Es kreist um die Frage: Wer bin ich? Wo
gehöre ich hin? Was verschafft mir Bedeutung? Bin ich das, was andere von
mir denken?
Dafür hat man symbolträchtig eine Garderobe auf die Bühne katapultiert, an
der verschiedenste Kostüme und Kleidungsstücke zur Verfügung stehen. Sie
wird willkürlich und wild nach Bedarf eingesetzt. Abgelegte Kleider vom
Leben anderer Menschen, nichts Eigenes, nichts, das wirklich etwas aussagt.
Verschiedenste Schauplätze werden inszeniert, um Brüche oder innere Kämpfe
zu spiegeln, durch die sich David Case hindurch laviert. Mailand, das
Modeatelier, Vernissage, Fotoausstellung oder Krankenhaus vermögen nicht,
ihm Ruhe zu verschaffen oder wirkliche Antworten zu geben. Case
charakterisiert sich als „Mischwesen aus Schlaflosigkeit und Kleidern“.
Immerzu rennt er im Kreis, als wäre er in einer Todesspirale gefangen. Das
Geschehen ist unstet, getrieben. Wenn er Marathon laufe, vergesse er, wer er
sei, und seine Panikattacken im Kopf hörten auf, sagt er. Seine unerfüllte
Sehnsucht, da zu sein, wo er gerade ist.
Genial ist die Inszenierung des Flughafens, einem „Nichtort“. Schon am
Eingang wird der reale Besucher des Nellie von einer Stewardess mit
eingefrorenem Dauergrinsen bedient. Trügerisches Wohlgefühl. Selbst dort, im
Dauerschwebeort, wird ein Absturz simuliert, bricht die brutale Wirklichkeit
ein. Die Bombe im Inneren explodiert im Äußeren.
Was aber, so die bange
und philosophische Frage, wenn am Ende nicht ein Knall, nur ein Wimmern
bleibt?
Agnes (Tina Fritsch) wird Dave gegenübergestellt. Sie steht für den
mainstream, kann nicht erleben, sondern knipst unaufhörlich Fotos - In
schriller Aufmachung, immer dann parat, wenn Betäubung angesagt ist.
Neben dem imaginären Hund, der Trost bietet und im Publikum für Lacher
sorgt, verirrt sich kommentierend die Figur, die für das Schicksal steht.
„Kismet“ (Dorothea Lindenblatt)mischt sich süffisant, ironisch, mal bitter
beißend ein: „Schicksal nimmt, Schicksal gibt!“ Die Eltern oder
wechselseitige Freunde wie Peter (Lukas Löffler) und Dorothea (Maren Hätty)
ergeben sich plaudernd in Hilflosigkeit. Sagenhafter Einsatz überbordendes,
hingegebenes Spiel leisten die Schauspieler und muten dem Zuschauer zum
Glück viel zu.
BZ vom 12.05.2010
Wie für sie geschrieben
"Justin Case", das neues Stück des Jungen Theaters Nellie Nashorn vor der
Premiere
Von unserer Mitarbeiterin Barbara Ruda
LÖRRACH. Birgit Vaith hatte das Stück "Justin Case" schon länger mal
inszenieren wollen. Jetzt war der richtige Zeitpunkt da: Zu der ältesten
Gruppe des Jungen Theater Nellie Nashorn passt es nämlich, als wäre es für
sie geschrieben.
Das Ensemble setzt sich zusammen aus zwei Etablierten (Lukas Löffler und
Maren Hätty), zwei Theaterneulingen (Dorothea Lindenblatt und Felix
Rothenbacher) und einer Spielerin irgendwo dazwischen (Tina Frisch). Weil
sich die JTNN-Gruppen oft gegenseitig zuschauen, sind sie inzwischen auch
untereinander zusammengewachsen, die starren Gefüge aufgeweicht. Man hilft
sich aus, changiert nach oben und unten — was das Alter angeht.
Die Mischung mit den Altgedienten als guten Zugpferden hat in diesem Fall
funktioniert, "weil die beiden Neuen so begabt sind", wie die Spielleiterin
berichtet. Schon bei den ersten Übungen sei ihr klar geworden, dass das
keine Menschen sind, die man grundsätzlich theatermäßig noch ausbilden muss.
Deshalb hat man auch das relativ anspruchsvolle Stück auswählen können, und
Neuling Felix bekam sogar die Titelrolle. Schon lange wollte er Theater
spielen. Vom JTNN hat er nur Gutes gehört, weswegen er mit 19 Jahren endlich
so mutig war, sich dort zu melden.
Dass es beim Freien Theater "Tempus fugit" seit Kurzem auch eine
Youngstergruppe gibt, sieht Birgit Vaith nicht als Konkurrenz zum JTNN an.
Noch nicht — man müsse die Entwicklung abwarten. Denn Lörrach, das sei nun
mal Fakt, sei klein und habe nicht unendlich Leute, die ins Theater kommen.
"Was wäre wenn" heißt die mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis
ausgezeichnete Romanvorlage des neuen Stücks. Die Autorin Meg Rosoff lenkt
darin mit Humor und Warmherzigkeit ihren erzählerischen Blick auf die frühe
Adoleszenz und das Drama des Erwachsenwerdens und verwischt dabei kunstvoll
die Phantasie mit der Wirklichkeit. Das Ensemble tut genau das auf der
Bühne. Was wäre wenn wir nur einen Wimpernschlag von der Katastrophe
entfernt wären wie David Case, als er seinen kleinen Bruder im letzten
Augenblick vor dem Sturz aus dem Fenster retten kann. Sein Leben gerät in
der Folge gehörig aus den Fugen. In der Angst, dass das Schicksal wieder
zuschlagen wird, versucht er auf kindliche Weise, dem zu entfliehen. Er
ändert seinen Namen, legt sich einen imaginären Hund zu und beginnt zu
laufen — in der Hoffnung, schneller zu sein als die tödlichen Gefahren, die
auf ihn lauern.
Das JTNN hat mit einem echten Hund geprobt, um zu sehen, wie man mit einem
imaginären Hund arbeitet. Die Jugendlichen hoffen nun — das ist ja die Kunst
— , dass die Zuschauer ihn auch sehen. Ansonsten arbeitet das Ensemble wie
gehabt viel mit Symbolen, einem Flugzeug etwa, das so schnell ist wie Justin
und abstürzt. Die Mischung zwischen Phantasie und Wirklichkeit wird
übertrieben. Räume wechseln in andere Räume, indem das Schicksal ein Spiel
mit den immer gleichen Kulissenteilen spielt, sie verschiebt und einrichtet.
Ein Garderobenständern mit Kleidern steht bildhaft für das in eine andere
Haut schlüpfen.
Aufführungen: Premiere 14. Mai, dann
15.,16.,17.,18. Mai, jeweils 20 Uhr
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