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Presse
BZ vom 30.06.2009
Abenteuer in Jakobs Welt
Junges Theater Nellie Nashorn: "Die mit dem Drachen
tanzen"
Von unserer Mitarbeiterin Barbara
Ruda
LÖRRACH. Der Beginn in der
Realität großstädtischer Jugendlicher ist wenig märchenhaft. Doch im zweiten
Teil ihres neusten Stücks "Die mit dem Drachen tanzen" entführt die
drittälteste Gruppe des Jungen Theater Nellie Nashorn die Zuschauer in eine
Welt, die das genaue Gegenteil davon darstellt — eine Welt, die voll ist von
märchenhaften Gestalten und Abenteuern.
Jakob wird ständig von
seinen Mitschülern gemobbt. Deswegen zieht er sich auf das Dach eines
Hochhauses zurück und schreibt an einer Geschichte. Doch eines Tages bricht
mit Paulina eine pubertäre Gruppe von Mädchen und Jungs in die Ruhe dort
oben ein. Da ist Zickenterror angesagt, sind großspurige Sprüche der Jungs
zu hören, die ohne jede Kritik und wie Vasallen ihrem Anführer Robin folgen.
Die Spirale an gegenseitigen Demütigungen schraubt sich hoch, bis die
Situation zu eskalieren droht. Robin will Jakob vom Hochhausdach stürzen. Im
letzten Moment gelingt es ihm jedoch, die Jugendlichen in seine Welt zu
ziehen.
Bis hierher haben die Spielerinnen und Spieler des JTNN die
gruppendynamischen Prozesse authentisch dargestellt und immer wieder mit
Humor gebrochen. Nun beginnt mit wildem Drive ein Theater im Theater, in dem
die Mädchen und Jungen viele Register moderner Thea terkunst ziehen. So
agieren sie in Zeitlupe, kommentieren das Geschehen oder spinnen auf der
Bühne laut daran, wie Jakobs Geschichte von einer Prinzessin weitergehen
soll, die von ihrem Vater, dem König, verstoßen wird. Szene für Szene
scheint erst vor den Augen der Zuschauer zu entstehen. Kinderkram ist dieses
Märchen beileibe nicht, eher eine bizarre Geschichte, in der die
Jugendlichen ihre Herkunft und ihre Beziehungen nie verleugnen können.
Gespielt wird mit all dem Müll, der auf dem Dach zu finden ist. Ein
Einkaufswagen wird beispielsweise zur Pferdekutsche, in der der Prinz seine
Prinzessin durch den Wald fährt. Als die Jugendlichen immer tiefer in das
Märchen einsteigen, merkt man, wie die Beziehungen untereinander sich
verändern, wie Verständnis wächst und am Ende sogar eine Freundschaft
entsteht. Im Zusammenhalt gelingt der Tanz mit dem Drachen.
Um die
Ensembleleistung hervorzuheben, zählt das JTNN die Akteure nur mehr per
Namen, nicht aber mit den dazugehörigen Rollen auf. Alle zeigten sich bei
der Premiere in Hochform: Hanna Bretz, Oliver Debatinh, Jildou Elgersma,
Paula Grzesiek, Christella Langen, Tobias Leibfried, Sharon Leitner,
Frederik Nickel, Maren Potgeter, Maike Reissner, Carolin Schultze, Lisa
Strickstrock, Valerie Weiss.
Die Oberbadische vom
30.6.09
Zusammen sind sie unbesiegbar
Premiere „Junges Theater Nellie Nashorn“ mit
„Die mit dem Drachen tanzen“
Von Ursula
König
Lörrach. Sehr idyllisch sieht
es auf dem Dach des Hauses nicht aus, auf das Jakob sich gerne zurückzieht.
Hier kann er in seine Welt versinken, Geschichten schreiben und dem Terror
seiner Mitschüler entfliehen. Das „Junge Theater Nellie Nashorn“
beeindruckte am Sonntag mit der Premiere „Die mit dem Drachen tanzen“, einer
Inszenierung, in der Realität und Fantasie-Welt aufeinander treffen und sich
immer wieder vermischen. Dabei werden die Themen aus der realen Welt halb
spielerisch, halb ernst in der Märchenwelt aufgegriffen und dort von den
Akteuren bearbeitet, bis die vorher zerstrittene Gruppe sich auch in der
Wirklichkeit gefunden hat. Schnoddrige Sprüche gehören bei den Jugendlichen
des Stücks zum „guten Ton“. Dahinter verbergen sich indes einige Macken und
Schwächen.
Unter der Regie von Birgit Vaith entstand ein sehr
lebendiges Stück, das einen Blick auf die Welt von Jugendlichen wirft. Stark
ausgeprägte Charaktere, witzige Requisiten und die lebendige Ausdruckskraft
der jungen Schauspieler verbinden sich hier zu einer amüsanten Inszenierung,
die dennoch nicht an der Oberfläche bleibt.
Jakob, der Sonderling,
scheint sich nur für seine Geschichten zu interessieren. Auf dem Dach trifft
er Pauline, die zwar, wie alle Mädchen, den „Turbo-Traumboy“ Robin prickelnd
findet. Doch noch prickelnder findet sie die Gedichte von Jakob, was sein
Selbstvertrauen ganz schön hebt. Deutlich wird in der Welt der Jugendlichen,
dass das Leben der Erwachsenen für sie noch in vielem fremd und mit
Fragezeichen behaftet ist. Pauline jedenfalls ist verwirrt, wenn ihre Mutter
über ihren Vater sagt: „Die schlimmsten Geschenke sind am schönsten
verpackt.“ Und auch die coole, aufgetakelte Superfrau, die alles in
Alarmstufen und Richterskalen bewertet, fühlt sich von ihrem Vater
eigentlich nicht geliebt. Diese Leere versucht sie mit lockeren Sprüchen
auszufüllen. Traumboy Robin scheint dagegen keine Selbstzweifel zu kennen.
„Dies ist die Begegnung mit der Vollkommenheit“, stellt er sich gerne
vor, und es scheint nicht nur witzig gemeint. In der Märchenwelt ist er
natürlich der Prinz, und eigentlich will er lieber von der Prinzessin
angebetet werden, als umgekehrt. Was vorher die Tendenz von Mobbing hatte,
wird in der Fantasywelt zum Krieg, der in gewisser Weise reinigende Wirkung
hat und sich auf die Wirklichkeit überträgt. Die starren Rollenklischees
scheinen etwas aufgeweicht. Ein Neuanfang ist möglich.
Als Gruppe
sind sie unbesiegbar. Mit feinem Gespür für Zwischentöne und viel
Kreativität werden hier Themen auf die Bühne gebracht, die auch die
Schauspieler selbst betreffen, die lebendig und authentisch ihre Rollen
gestalten.
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