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Presse
Die Oberbadische vom
06.05.09
Liebe, Sehnsucht, Verwirrung
Das junge Theater Nellie Nashorn inszenierte „Fucking Åmål“ auf
berührende Weise
Von Ursula König
Lörrach. Zum Frühstück gibt es noch keinen Kaffee, sondern Kakao und auch
der Teddybär gehört - als ein Relikt der Kindheit - zum Leben der
Heranwachsenden dazu. Das Theaterstück „Fucking Åmål“ beschreibt die wohl
schwierigste Zeit im Leben: Den Schritt zum Erwachsen werden und das damit
mitunter verbundene Gefühlschaos.
Nach dem gleichnamigen schwedisch-dänischen Erfolgsfilm von Lukas Moodysson
wurde das Stück um Liebe, Freundschaft und den Mut, zu seinen Gefühlen zu
stehen, am Sonntag vom Jungen Theater Nellie Nashorn auf die Bühne des
Nellie Nashorn gebracht. Eine gelungene - und mit viel Fingerspitzengefühl
umgesetzte - Inszenierung.
Åmål steht für eine typische Kleinstadt, in der es
Heranwachsenden mit ihren vielen unerfüllten Träumen und Sehnsüchten leicht
zu eng werden kann. Die Hormone scheinen in einem ständigen Aufruhr zu sein,
obwohl sich die verschiedenen Cliquen des Ortes möglichst cool präsentieren.
Zwei Außenseiter gibt es, die sich allerdings auch nicht einander
anschließen können. Vor allem die sensible und von ihrem Vater wohl behütete
Agnes (Charlotte Oehler) leidet seit ihrem Umzug in den Ort nicht nur an
Kontaktarmut. Sie hat sich in das aufregendste Mädchen der Schule Elin
(Helen Schneider) verliebt. An der Schule geht das Gerücht herum, sie sei
lesbisch, was sie noch mehr zum Rückzug treibt...
„Fucking Åmål“ ist im Film wie auf der Bühne ein Werk, das den schmerzhaften
Übergang von der Kindheit zum erwachsenen Dasein sehr eindrücklich
darstellt. Der Wunsch nach ständiger Ablenkung verdrängt die Fragen, die
gestellt werden, wenn nichts passiert. Jeder möchte so cool wie möglich
erscheinen und doch dreht sich alles um die erste Verliebtheit und Fragen
der Sexualität.
Um dieses heikle Thema auf die Bühne zu bringen, bedarf es Mut. Denn die
Darsteller des Ensembles, im Alter zwischen 13 und 16 Jahren, stecken selbst
mitten in dieser Phase, die sie glaubwürdig und berührend darstellen. Hier
werde viel von den Rollen verlangt, erklärte Theaterpädagogin und
Regisseurin Birgit Vaith. Eine intensive Erarbeitung der teils schwierigen
Themen war notwendig.
Doch für die jugendlichen Darsteller war es auch reizvoll, ihre Themen auf
die Bühne zu bringen, denn vor allem der Sprachwitz des Stückes hat sie
begeistert.
Zimperlich geht es dabei nicht zu; meist ist Klartext angesagt und der kann
ganz schön treffen. „Fucking Åmål“ wurde mit vollstem Einsatz gespielt und
dies trug wesentlich zum Erfolg der Premiere bei.
BZ vom 05.05.2009
Das Chaos der Gefühle
Junges Theater Nellie Nashorn Lörrach zeigt das Pubertätsdrama "Fucking
Åmål"
Åmål hat den jungen Leuten nicht viel zu bieten — ein kleines Kaff, in dem
nach Meinung von Elin, Agnes und den anderen nur lauter Beknackte wohnen.
Dazu nerven jüngere Geschwister und die Eltern. Die Zuwendung von Mama und
Papa beschränkt sich oft genug nur auf seichte Fernsehunterhaltung, Cola und
Chips oder unbeholfen wirkende, stereotype Gesten. Vorbilder sind diese
Erwachsenen gewiss nicht. Mit den Jungs ist aber auch nicht wirklich viel
anzufangen, außer man interessiert sich für Basketball, Handys und
Biertrinken. Alles in allem eine Umgebung, in der es schwer fällt, seine
Träume zu verwirklichen und einen Platz im Leben zu finden. Besonders schwer
hat es Agnes. Sie wohnt noch nicht lange in Åmål, gilt als Außenseiterin und
verliebt sich ausgerechnet in Elin, das coolste Mädchen in der Schule.
In einer beeindruckenden Premiere zeigten am
Sonntag unter der Regie von Birgit Vaith die Spielerinnen und Spieler des
Jungen Theaters Nellie Nashorn in Lörrach das Pubertätsdrama "Fucking Åmål"
nach Lukas Moodyssonus, das vor zehn Jahren erfolgreich verfilmt wurde. Dass
sie selbst ungefähr in dem Alter der Protagonisten des Stücks sind und
Gefahr liefen, zu wenig Distanz zu ihren Rollen aufbauen zu können, machte
die Sache nicht gerade einfacher.
Umso eindrucksvoller war die Leistung des gesamten Ensembles. In vielen
kurzen Szenen gelang es Anton Benedix (Johann), Julien Combelles (Markus),
Charlotte Oehler (Agnes), Sarah Pfleiderer (Larissa), Silke Quartier
(Victoria), Helen Schneider (Elin), Sebastian Walling (Olof, Micha), Judith
Werner (Jessica), Rebecca Wiese (Jojo, Franzi) und Anne Windhausen
(Brigitta, Vanessa) das starke Gefühlschaos darzustellen, in dem die
Jugendlichen der Grunge-Generation stecken; ihre Nöte und Ängste, ihre
Unsicherheit und Sprachlosigkeit. Kurze Streiflichter auf Elins
Geburtstagsüberraschung, auf eine Party, bei der sich alle sinnlos besaufen,
auf das primitive Imponiergehabe der Jungs, auf einen nächtlichen Streit am
Straßenrand. So viel Drastisches und Ergreifendes die Szenen auch hatten, so
gehörig blitzte hie und da auch mal eine Portion Humor auf. Lukas Löffler
setzte all das mit Licht, Ton und Musik wunderbar in Szene. Das Chaos, das
sich auf der Bühne breitmachte, veranschaulichte zusätzlich, wie es in den
Kids aussieht.
Überhaupt wurde in der neuen Inszenierung des Jungen Theaters Nellie Nashorn
wieder viel mit Bildern gearbeitet. Anstatt sich zu küssen, tauschten etwa
Charlotte Oehler und Helen Schneider spielerisch ihre Lollis aus. Ein
starkes Stück Jugendtheater!
Barbara Ruda
BZ vom 29.04.2009
Ein komisches Stück um ein starkes Gefühlschaos
Wie das Junge Theater vom Nellie sich ein Stück erarbeitet hat
Von unserer Mitarbeiterin Barbara Ruda
LÖRRACH. Mit "Fucking Åmål" hat sich die drittälteste Gruppe des Jungen
Theater Nellie Nashorn einen Stoff für ihre neue Inszenierung vorgenommen,
der als schwedisch-dänischer Jugendfilm aus dem Jahr 1998 bekannt und
mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. Es geht darin um Teenager in der
Kleinstadt Åmål, die - wie überall auf der Welt - Probleme mit Pubertät und
Selbstfindung haben. Ein komisches Stück um ein starkes Gefühlschaos: Alles
dreht sich um die Fragen "Wie gehe ich meinen eigenen Weg in Liebe und
Beruf?" , "Passe ich mich an oder breche ich aus?"
Doch wie gehen Birgit Vaith und ihre Spielerinnen und Spieler im Alter
zwischen 13 und 16 Jahren überhaupt an so ein Stück heran? Angesprochen hat
es sie sofort, als es die Theaterpädagogin ihnen vorgestellt hat, weil es
einerseits aggressiv, andererseits witzig das Thema auf den Punkt bringt. In
diesem Fall lag die Schwierigkeit darin, dass die Jugendlichen eine
Lebensphase spielen sollten, in der sie selbst noch mehr oder weniger stark
drinstecken.
Oftmals musste die Gruppe darüber diskutieren, ob sie gewisse Szenen
überhaupt spielen kann, oder ob dazu einfach die nötige Distanz fehlt. Und
wenn man sie denn spielt, wie kann man dann darstellen, etwa wie sich zwei
Mädchen küssen - realistisch oder symbolisch? In diesem Fall hat die Gruppe
einiges ausprobiert und eine schöne Lösung gefunden. In Szenen mit einer
körperlichen Annäherung taucht immer das Spiel mit einem Lolli auf.
Der Text einer Vorlage passt meist nicht hundertprozentig auf die
Theatergruppe . Damit alle eine Rolle bekommen konnten, musste bei "Fucking
Åmål" vier neue Personen erfunden werden. Mit Spielen und Improvisationen
gingen die Jugendlichen daran, diesen eine Gestalt zu geben. Wie Birgit
Vaith berichtet, bot das oft Zündstoff für Dialoge. Sie schreibt die daraus
entstehenden Texte mit, um sie später in die Szenen einzubauen.
Die Rollen werden mit verschiedenen Methoden erarbeitet. Zum einen, in dem
sich jeder Spieler ein passendes Tier sucht, von dem er oder sie glaubt,
dass es zu seiner Rolle passt. Was dann vom Spielen dieses Tiers auf die
jeweilige Figur übertragen wird, kann dieser starken Ausdruck verleihen.
Wichtig für die Figurenarbeit ist auch der "Heiße Stuhl" , auf dem jeder in
seiner Rolle Rede und Antwort auf alle Fragen stehen muss.
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