NELLIE NASHORN

EIGEN PRODUKTIONEN 2008

Theater Gut & Edel

Die Baronin und die Sau
von Michael Mackenzie
Regie: Vaclav Spirit

 

 

 
 
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Zum Stück

Die Baronin beschließt ein halb vertiertes Wesen, ein Mädchen eine Kaspar-Hauserin, das sie in einem Schweinestall gefunden hat, zu retten und zu ihrer Zofe zu machen. Die Sozialisierung des jungen Mädchens gestaltet sich schwierig, doch die Baronin zeigt sich geduldig. In der Mitte des Stücks fällt das entscheidende Wort. Die Sau sagt zum ersten Mal: ‚Ich. Und mit diesem Wort beginnt sie der Baronin ebenbürtig werden. Aus dem Tier wird ein Mensch...
Die Adelige bringt dem Untermensch die wichtigsten Grundlagen jeder höheren Zivilisation bei: Tisch decken und Besucher anmelden. Messer, Gabel und das Tablett für die Visitenkarten als ein über jede Sau erhabenes Standessymbol.
Je höher das Mädchen, nach Jean-Jaques Rousseaus Emilie genannt, in die Kultur aufsteigt, desto tiefer sinkt die Baronin hinab. Sie entlarvt die edle Erziehung als neue Unterwerfung und sich selbst als dressierten Schmarotzer, abhängig von leeren Ritualen und einem nie auftretenden Baron, dem wahren Schwein in dieser hohlen Dekadenz. Was auf den ersten Blick wie ein Stück über die erzwungene Wandlung eines primitiven zu einem dienenden Menschen anmutet, entpuppt sich auf den zweiten als eines über die Metamorphose einer bornierten, angeheirateten Adligen zu einem denkenden und fühlenden Menschen...

 

zum Autor

Michael Mackenzie, kanadischer Autor und Regisseur, schreibt für Theater und Film. Seine Stücke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, u. a. ins Französische, Italienische und Spanische. Mackenzie lebt in Montreal.

 

zur Gruppe

Das Lörracher Theater Gut & Edel um Regisseur Vaclav Spirit gehört zum Soziokulturellen Zentrum. Nellie Nashorn. und hat dort seinen festen Spielort. Freilich werden alle Produktionen auch an anderen Orten, vor allem an Festivals im In- und Ausland gezeigt. so in Göppingen und Paderborn, Dresden, Frankfurt, Rendsburg und Greiz, St. Vith (Belgien), St. Louis, Nancy, Rouen (Frankreich), Thun (Schweiz) oder Hronov (Tschechische Republik). In Göppingen (2002) und im französischen St. Louis (2004) erhielt die Gruppe für ihre Inszenierungen Preise. 
Die Gruppe arbeitet mit großer Kontinuität seit vielen Jahren zusammen. Produktionen mit großem Ensemble wie „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ von Peter Weiss, „Der Prozess“ nach Franz Kafka oder die Freilichtproduktion „Der Räuber“ von Karel Čapek stehen intimere Inszenierungen wie „Die Frau im Sand“ nach dem Roman von Kobo Abe, „Auf hoher See“ von Slawomir Mrozek oder „Bernarda Albas Haus“ nach F.G. Lorca und jetzt „Die Baronin und die Sau“ gegenüber.
Bei aller Vielfalt der Stoffe und Tonlagen zieht sich der Ansatz durch, auf Materialschlachten zu verzichten und auf die Wirkung des Spiels und der Bilder zu vertrauen.
Damit hat sich Gut & Edel einen ausgezeichneten Namen im In- und Ausland gemacht.
 
 

Presse

Die Oberbadische vom 19.11.08

Scheitert Rousseaus Traum?

„Die Baronin und die Sau“ mit Gut & Edel /Wahn von der Veredelung des Menschen

Von Dorothea Gebauer

Lörrach. Generationen von Pädagogen wurden davon geprägt, Bildungsbeflissene nachhaltig fasziniert: Die Kunst der Aufzucht des Einzelmenschen nach Jean-Jacques Rousseau, seine Idee, dass der Mensch ein edler Wilder sei, im aufklärerischen Sinne vernunft- und lernbegabt und dementsprechend zu erziehen.
Im Stück „Die Baronin und die Sau“ von Michael Mackenzie unter der Regie von Vaclav Spirit mit dem Theater Gut & Edel auf die Bühne des Nellie Nashorn gebracht, wird eine Theorie in der Begegnung zweier Menschen herunter gebrochen und auf lebhaft-eindringliche Weise neu aufgelegt, dabei hinterfragt und in ihrem hochmütigen Ansatz entlarvt.
Aus dem „Reich wilder Tiere“ hat sich die Baronin (Anette Eckstein) ein Wesen gerettet, das sie sinnigerweise - nämlich nach Rousseau - Emilie nennt. Emilie soll lernen, wie das Putzen des Silberbestecks zu geschehen hat, wie man Gäste empfängt oder in ganzen Sätzen redet. Sich im Besitz letztgültiger Weisheiten wähnend, will die Baronin sie Stück um Stück, Szene um Szene der Menschheit zurückgeben.
Die „Sau“ (Katrin Mörgelin- Oehler) mimt auf hervorragende Weise die Figur, die ihre reinen Instinkte lebt und über einen ungehinderten Zugang zu ihren Gefühlen verfügt. Sie stammelt, wälzt sich am Boden, gibt sich grobschlächtig und unverblümt. Das Unbewusste, das Es, wird irgendwann zu mIch, stellt Fragen und fordert in seiner Naivität Echtheit ein. Die Baronin wirkt gestelzt, spröde, herablassend und letztendlich überaus hilflos. „Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen dieses Geräusch unterlassen,“ wiederholt sie litaneiartig, weil sie das wortlose Gegrunze von Emilie nicht einzuordnen mag. Sie ist die mäkelnde, auf hohem Ross sitzende Erzieherin, beziehungsunfähig und sehr allein.
Nicht anwesend, aber immer präsent ist der Baron, der sie verlassen hat. Dieser, nicht Emilie, ist das eigentliche Schwein in dieser Handlung, und bringt die sichere Welt der Etikette zum Einstürzen. Was nutzt Zivilisation, wenn sie die Menschen einander entfremdet? Wenn sie auf hohle Rituale reduziert ist, Heuchelei fördert und Schranken aufbaut? Die spannende Frage ist: Wer erzieht hier wen? Wer verhilft wem zu Würde und Menschlichkeit? Was nützt Standesdünkel, wenn er den Menschen im Moment des Scheiterns einsam zurücklässt? Rührend entfaltet sich die Wandlung der Baronin, die über dem unzivilisierten Wesen Emilie so etwas wie Solidarität erlernt. Wenn man Mitgefühl braucht, sind Status und Standesherkunft schließlich egal.
Die Verknappung der Requisiten verhilft zur Konzentration auf Wesentliches, auch das Cello (Johanna Kremers) konturiert und dramatisiert. Das Geschehen wirkt so dicht und eindringlich. Ernsthaftes Spiel, aufrührend und inspirierend.


BZ vom 17.11.2008

Eine wunderbare Groteske

Das Theater Gut & Edel spielt "Die Baronin und die Sau" im Nellie Nashorn in Lörrach

Wie eine Sau zum Mensch wird und wie ein Mensch zur Sau, und ob es für die Sau, die früher mal ein Mensch war, leichter ist, jetzt wieder zum Menschen zu werden, als für die Sau, die ihr ganzes Leben lang eine Sau gewesen ist — wir wissen es immer noch nicht, aber es gab zu lachen zu diesen Fragen in der Premiere der Inszenierung von "Die Baronin und die Sau" im Nellie Nashorn am Samstagabend. Der Regisseur Vaclav Spirit hat sich ein ziemlich unbekanntes Stück des in Deutschland ziemlich unbekannten kanadischen Dramatikers Michael Mackenzie ausgesucht.

Eine Baronin findet ein tierisches Wesen in Mädchengestalt in ihrem Schweinestall, einen weiblichen Kaspar Hauser. Mehr aus Langeweile denn aus Mitleid beschließt sie, das Mädchen aufzunehmen und es zu seiner Zofe zu machen. Nach dem Werk von Jean-Jacques Rousseau soll das Mädchen "Emilie" heißen. Die Baronin bringt ihr bei, was eine Zofe wissen muss, um seiner Herrin dienen zu können: Tisch decken, Gläser polieren, nicht standesgemäße Gäste abwimmeln.


Das wilde Wesen lernt schnell, geht bald aufrecht und irgendwann sagt es zum ersten Mal in seinem Leben "Ich" — die psychologische Basis für die eigene gesellschaftliche Einordnung ist gegeben, und ganz allmählich wird Emilie zum Spiegel des absurden adeligen Schauspiels der Baronin. Die entlarvt sich in der Verteidigung ihrer herrschaftlichen Rituale bald selbst als dekadenter Schmarotzer des Barons — der merkwürdigerweise nie zu Hause ist.

Stattdessen geht die Baronin auch abends allein den Beschäftigungen einer Baronin nach. Am liebsten besucht sie das Theater und trifft dort auf die wahren Helden wie Shakespeares Julius Cäsar. "Für einen Moment spiegelt die Bühne unser gesamtes Dasein" , sagt sie über das Theater und spiegelt damit wiederum den Spiegel, den Emilie ihr vorhält.

In der Realität der Baronin allerdings gibt es keinen Helden, der zu ihr hält: Sie bekommt vielmehr einen Brief von Freunden, die ihr schreiben, dass ihr Mann, der Baron, zu Prostituierten gehe und sich mit ihr außerdem schon immer gelangweilt habe, weil sie so leidenschaftslos sei. Die Baronin wird wütend, leidenschaftlich wütend — und fordert Emilie auf, den Brief zu fressen: "Du bist doch ein Tier, friss den Brief, du Sau."

Emilie aber ist ein Mensch und keine Sau und hält zu ihrer Herrin, die längst die Glaubwürdigkeit einer Herrin verloren hat. Gemeinsam spinnen sie sich aus, wie sie sich am Baron, der einzig wirklichen Sau in diesem Stück, rächen könnten. Am Ende jedenfalls ist der Baron tot.

Was sich zunächst nach Entwicklungsgeschichte mit sozialkritischer Metaphorik anhört, ist in der Inszenierung des Lörracher Theaters Gut & Edel eine wunderbar leichte Groteske, die vor allem durch ihre absurde Komik und das Spiel der beiden Schauspielerinnen Anette Eckstein (Baronin) und Katrin Mörgelin-Oehler (Emilie) besticht. Höchst eindrücklich musikalisch unterstützt wurde das Spiel von Johanna Kremers an Cello und Akkordeon.

Vor allem Mörgelin-Oehler traut sich was, wenn sie sich grunzend auf dem Boden räkelt und in Sehnsucht nach dem Liebesakt sich lustvoll die feine Leinentischdecke zwischen die Schenkel drückt. Eckstein gibt die elegante Dame mit Hang zur Dramatik mit doppeltem Boden, nie bleibt sie stecken im Klischee der Upper-Class-Geziertheit.

WWenn die beiden Frauen in diesem Kammerspiel die großen Gesten einer Baronin oder eines Julius Cäsar auf der Bühne üben und dabei alle Schamgrenzen fallen, und sie sich gegenseitig manchmal schmerzhaft, aber immer leichtfüßig durch die kurzen Szenen dieses sehr kurzweiligen Abends treiben, ist das richtig gutes Theater.

Claudia Gabler

BZ vom 12.11.2008

Die "Menschwerdung" der Baronin

Theater Gut & Edel spielt "Die Baronin und die Sau" von Michael Mackenzie

Vier Beine zieren das Plakat: ein Paar nackte, sehnige, linkisch verdrehte in groben Stiefeln; ein Paar in seidenen Strümpfen, silbernen Schuhen und elegant voreinander gesetzt. Die feinen gehören der Baronin, die groben der "Sau" Emilie, einem Mädchen, das die Lady in einem Schweinestall fand und zu domestizieren beschloss.

Es beginnt die "Menschwerdung" - der Baronin. Die Wandlung eines primitiven Menschen in einen kultivierten begegnet unter anderem bei Rousseaus "Emilie , bei Shaws Pygmalion und der Musical-Adaption "My fair Lady" sowie bei Kasper Hauser. In Michael Mackenzies "Die Baronin und die Sau" ist es ein Erziehungsprozess, der beide Seiten verändert. Indem die Dame versucht, die Wilde zu dressieren, erkennt sie, wie hohl und in Ritualen erstarrt ihre adlige Welt ist - und wer in dieser Welt wirklich wie ein Schwein handelt.

Vaclav Spirit hat das Stück des kanadischen Autors mit dem Lörracher Theater Gut & Edel inszeniert. Die Gruppe, die sich in vielen Jahren mit großen wie mit intimeren Inszenierungen weit über Lörrach hinaus einen Namen machte und Preise errang, zeigte zuletzt im Sommer 2007 im Garten des Kulturzentrums Nellie Nashorn die Freilichtproduktion "Die Räuber" . "Die Baronin und die Sau" fügt sich in die Reihe der Kammerspiele. Anette Eckstein als Baronin und Katrin Mörgelin-Oehler als Emilie spielen; Johanna Kremers begleitet das Stück musikalisch, Annegret Brake hat für den musikalischen Teil Regie geführt. Wie gewohnt setzt Gut & Edel nicht auf die großen Kulisse, sondern auf das intensive Spiel. Am Samstag, 15. November, um 20 Uhr ist im Kulturzentrum Nellie Nashorn Premiere.


Die Oberbadische vom 12.11.08

Da steckt alles Menschliche drin

Gut & Edel zeigt das Stück „Die Baronin und die Sau“

Lörrach (hau). Es ist zweifellos ein anspruchsvolles Stück, das sich Regisseur Vaclav Spirit mit dem Theater Gut & Edel für seine neueste Produktion ausgesucht hat: „Die Baronin und die Sau“ des kanadischen Autors Michael Mackenzie. Premiere ist am 15. November im Lörracher Nellie Nashorn.
Anette Eckstein und Katrin Mörgelin-Oehler haben die beiden Rollen übernommen. „So eine kleine Besetzung schafft immer eine ganz besondere Intensität zwischen Regisseur und Schauspielern“, so Spirit. Seit rund sechs Monaten - mit Unterbrechungen - wird geprobt.
Eine wichtige Funktion hat der Regisseur der Musik zugedacht. Annegret Brake hat wiederkehrende atmosphärische Motive komponiert, live gespielt werden sie von Johanna Kremers mit Cello und Akkordeon.
Spirit lobt das hohe, nahezu professionelle Spiel der beiden Akteurinnen. Und dies wird auch nötig sein angesichts des schwierigen facettenreichen Stücks, das irgendwo zwischen Groteske und Drama steht. „Gemeinsam haben wir uns an den Stoff herangetastet“, erzählt Spirit. Es ist ein Stück, das Fragen aufwirft und in dem alle menschlichen Probleme stecken: Die Baronin (Anette Eckstein) findet ein junges, nahezu tierhaftes Mädchen (Katrin Mörgelin-Oehler) in ihrem Schweinestall und beschließt, es zur Zofe auszubilden.
Eines Tages sagt die Sau Das Wort „Ich“. Aus dem Tier ist ein Mensch geworden - ein uraltes, vielfach in Literatur und Film umgesetztes Thema, so der Regisseur.
Je höher nun das Mädchen, das nach Rousseaus „Emilie“ benannt wird, in die Kultur aufsteigt, desto tiefer sinkt die Baronin, entlarvt als Schmarotzer, abhängig von leeren Ritualen. Nur im Gespräch taucht zudem der Baron auf, der im Laufe des Stücks als das wahre Schwein entlarvt wird. Schließlich wandelt sich die Baronin durch die Sau zum fühlenden Menschen.
Mit kleinen Auslassungen hat Spirit den Text original belassen. Und er ist überzeugt: „Das Stück ist wirklich gut und regt zum Nachdenken an.“

 
 
Fotos
 
 

 

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Fotos: Thomas Quartier

 
 
 
Personen und ihre Darsteller
 
Die Baronin Anette Eckstein
Die Sau, genannt Emilie Katrin Mörgelin-Oehler
Musikalische Begleitung Johanna Kremers
   
Regie, Bühnenbild Vaclav Spirit
   
Musik Annegret Brake
Kostüme Ingrid Weinmann
Programm-, Plakatgestaltung Britta Rechlin
Choreographische Zusammenarbeit Michael Greff
Licht Holger Göller
Fotos Thomas Quartier
 
 

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