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Presse
Der
Sonntag vom 28.9.08
Preiswürdiges Projekt
Streit ums Gräbengraben
und Sockentragen: „Die Grenze“ in Lörrach
Haben wollte diese Grenze im Prinzip ja niemand. Aber irgendwie ist es
passiert. Jetzt trägt der Nervenkrieg zwischen den verfeindeten Parteien
diesseits und jenseits immer neue und absurdere Früchte. Der ständig
wachsende Schilderwald zählt dazu, der immer gerade das verbietet, was der
Gegner eben erst anfangen will: das Rauchen natürlich, aber auch das
Apfelessen, das Gräbergraben und Sockentragen. Da ist nur folgerichtig,
dass, wenn einen gerade der Schlag trifft, gleich ein anderer das passende
Schild hochhält: Sterben verboten.
Rache und Bosheit kommen zuerst, das Nachdenken später. „Die Grenze“ ist
eine Koproduktion des Jugendtheaters Nellie Nashorn mit der französischen
Truppe Les Hippopotames und hatte gerade im Alten Wasserwerk Lörrach
Premiere. Aus dem anfangs noch spaßigen Necken eines höchst ungewöhnlichen
Pärchens beim Taubenfüttern wird auf der Bühne eine Endlosschleife
gegenseitiger Aggression. Für den eigentlich zentralen Konflikt sind sie
dennoch nur Rahmenhandlung. Entstanden ist alles aus einem Todesfall bei
einem eingangs wild miteinander gefeierten Fest. Fiel da
nicht ein Schuss? Aber nicht um die Ursache wird es schließlich gehen,
sondern um einen Sockendiebstahl. Zwei Parteien entstehen, die Totengräber
und die „Socken“.
So absurd wie das Sujet, so gnadenlos übertrieben ist auch seine
schauspielerische Umsetzung. Jede Bewegung steigern die Darsteller ins
absolute Übermaß und Mimik ist Trumpf. Das Stück könnte ebenso gut als
stumme Produktion über die Bühne gehen, Sprache hilft nur hier und da nach
und bringt den einen oder anderen zusätzlichen Effekt. „Die Grenze“ ist
schon die zweite Koproduktion der Lörracher mit den französischen
„Nilpferden“ Entstanden ist das Stück, das im Mai im lothringischen Hettange
Premiere feierte und jetzt erstmals auch in Lörrach zu sehen war, aus
Improvisationen und eigenen Ideen der 15 beteiligten Schauspieler zwischen
13 und 19 Jahren.
Die Idee zu der
deutsch-französischen Zusammenarbeit hatten die Regisseure Birgit Vaith und
Leo Turon anlässlich einer Begegnung beim Lörracher Theaterfestival, bei dem
Turons Haupttruppe Le Troupô schon mehrfach zu Gast war. Deren Handschrift
ist in der „Grenze“ jetzt deutlich zu lesen, gehört doch das auf die Spitze
Treiben jeder Aktion zu den Spezialitäten der Franzosen. Gerade die extreme
Übertreibung löst aber jeden pädagogischen Holzhammereffekt auf. Wenn da
etwa Socken- gegen Sargträger antreten und Sätze kreieren wie: „Lieber
sterbe ich als mich von einem Ausländer beerdigen zu lassen“, dann nehmen
sie Grenzen im Kopf und Fremdenfeindlichkeit subtil und holzschnitthaft
elegant auf die Schippe.
Wen kann es da wundern, dass die Truppe mit ihrem ersten gemeinsamen Stück
(„Paris 1900“) schon einen deutschen und einen französischen Theaterpreis
gewonnen hat? Mehr als preisverdächtig ist auch „Die Grenze“ und weckt die
Vorfreude auf die dritte Eigenproduktion. Sie steht in den Startlöchern.
ANNETTE MAHRO
BZ
vom 27.09.2008
Stafette mit Totengräber-Schaufel
"Die Grenze" mit
dem Jungen Theater Nellie Nashorn und Les Hippopotames feiert im Alten
Wasserwerk Deutschlandpremiere
Von unserer Mitarbeiterin Barbara Ruda
LÖRRACH. Am Donnerstagabend erlebte die zweite gemeinsame Produktion des
Jungen Theater Nellie Nashorn und Les Hippopotames aus Lothringen im Alten
Wasserwerk ihre Deutschlandpremiere. "Die Grenze" ist ein wildes,
aufregendes Spiel zwischen zwei Familien, die sich zuerst gut vertragen,
durch einen tragischen Vorfall während eines Festes aber schrecklich
verfeinden. Das Premierenpublikum ließ sich begeistern.
Die "Socken" — ein kunterbuntes Phantasievölkchen — und die Totengräber, die
so genannten "Tots" , feiern ausgelassen zusammen. Plötzlich fällt einer der
Socken tot um. Das ist der Beginn für die Grenze, die auf der Bühne ein
Bretterzaun mit einer deutlich markierten Trennlinie in der Mitte sichtbar
macht. Dass damit nicht bloß eine Staatsgrenze gemeint ist — wie auch,
schließlich werden die beiden Familien über die Sprachgrenzen hinweg
gemischt von Franzosen und Deutschen gespielt — wird schnell klar. Die
beiden Parteien grenzen sich auch innerlich voneinander ab, holen alte
Vorurteile und den Groll vergangener Zeiten wieder hervor und verbieten
voller Hass kurzerhand alles, was noch verbinden könnte.
Eine Parade von
Verbotsschildern macht die Absurdität dieser totalen Abgrenzung sichtbar:
Apfel essen: verboten, Tauben füttern: verboten, Lieben: auch verboten, und
am Ende sogar das Sterben. Überhaupt arbeiten die jungen, engagierten
Schauspieler aus den Ensembles von Birgit Vaith und Leo Turon auch in ihrer
zweiten gemeinsamen Inszenierung wieder viel mit Bildern, die teils ziemlich
drastisch sind, denen auf der anderen Seite aber auch viel Humor inne wohnt.
Da wird eine Schaufel wie ein Stafettenstab weitergegeben und von einem Tot
nach dem anderen schweren Schritts über die Bühne getragen — ein starkes,
ambivalentes Symbol. Mit einer Schaufel kann man beides: Gräben ausheben,
aber auch Schlupflöcher schaffen.
Und genau Letzteres beginnen jetzt manche. Weil es ihnen mit der Grenze viel
schlechter geht als vorher, tun sich immer mehr Socken und Tots zusammen und
kämpfen als Partisanen. Wie bei einem Puzzle werden viele Steinchen zusammen
gesetzt, um die Begriffe "Grenze" und "Widerstand" zu umschreiben.
Fast pausenlos sind die jungen Frauen und Männer dabei in Bewegung, agieren
solo, im Duett oder in der Masse. Natürlich wird in dem Stück auch
gesprochen — bei den Aufführungen in Deutschland auch von den Franzosen in
Deutsch, doch steht die Worte gar nicht im Vordergrund. Viel stärkeren Wert
legt die Gruppe auf den Ausdruck, sowohl den des ganzen Körpers als auch den
des Gesichts. Großartig, wie vor allem die Tots ihre Gesichtszüge entgleisen
lassen und wie das manchmal und durchaus gewollt in Grimassenschneiden
ausartet.
Als Zuschauer kann man dem roten Faden in den schnell wechselnden Szenen
mühelos folgen. Mit Vorfreude erwartet man den nächsten überraschenden
Regie-Einfall. Von A bis Z ist das Bühnengeschehen in eine präzise
Choreographie gegossen. Und es ein Happy End gibt es auch noch. Das Stück
endet, wie es begonnen hat — in einer Zeit des Friedens, ohne Grenze.
Die
Oberbadische vom 27.9.08
Grenzen im Kopf
überwinden
Eine Warnung des Jungen Theaters Nellie Nashorn
Von Dorothea Gebauer
Lörrach. Dass mit wenigen Worten viel Aussagekräftiges transportiert werden
kann, macht der Auftritt des Jungen Theaters Nellie Nashorn mit dem
französischen Ensemble „Le Troupô“ unter der Leitung von Birgit Vaith im
Alten Wasserwerk deutlich.
Das Schauspiel konzentriert sich auf wenige, grobe Handlungsstränge, die
zwar eine Geschichte erzählen, aber Interpretationsspielräume lassen. Thema
des wirbelnden und äußerst energiegeladenen Geschehens ist auf der
Meta-Ebene das, was Grenze und Selbstbeschränkung im menschlichen
Miteinander ausmachen. Die konkrete Umsetzung gelingt darüber, dass Dünkel,
Misstrauen, Verschlagenheit wunderbar skurril und schräg in den Gesichtern
zu lesen sind. Jeder übernimmt seinen Part darin, den Fluch, der über der
Gemeinschaft liegt, ganz grandios - mal ganz stumm, mal lärmend und laut -
zu spiegeln. Die Figuren wirken kaputt, hinterhältig, schrill und schräg.
Immer züngelt Gewalt, lodert Hass, herrscht hektisches Treiben.
Minimalistisch der Einsatz von Requisiten, choreographisch nirgends
überbordend, überzeugt die Truppe umso mehr mit durchgängig gehaltener
Konzentration, Leidenschaft und großem Spaß am Spiel. Holzschnittartig
entfaltet sich das Milieu in einem Dorf, in dem sich nach einem tragischen
Vorfall eine Grenze auftut, hinter die niemand zurückgehen mag. Ein Vorfall,
eine Bagatelle lähmt die Gemeinschaft, ist Trauma, Vorwand, Nähe und
Begegnung um jeden Preis zu vermeiden. Die Erstarrung löst sich innerhalb
des Spiels auf - da sind die wenigen, die den Teufelskreis durchbrechen. Ein
Lächeln, ein Lied, Solidarität macht sich breit. Ein ganz und gar lebhaftes,
ein mutiges und unterhaltsames Stück gegen Lähmung, Borniertheit und
Selbstgefälligkeit. Ein Plädoyer für Großzügigkeit und Menschlichkeit. Dass
es von französischen und deutschen Jugendlichen gemeinsam erarbeitet
gespielt wurde, macht das Stück erst recht glaubwürdig.
Die
Oberbadische vom 24.9.2008
Ein Stück über „Die Grenze“
Gemeinsames Projekt von „Junges Theater Nellie Nashorn“ und „Le Troupô“
Lörrach (ham). Nach dem ersten gemeinsamen Theaterstück „Paris 1900“, das
nach wie vor in Frankreich, Deutschland und in der Schweiz aufgeführt wird,
haben die beiden Theatergruppen „Junges Theater Nellie Nashorn“ und „Le
Troupô“, die sich zu „Les Hippopotames“ (Die Nilpferde) zusammengeschlossen
haben nun ein neues Werk in Angriff genommen. „Die Grenze/La Frontière“ ist
der Titel dieser deutschfranzösischen Theatereigenproduktion der 15
Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 19 Jahren sowie ihrer Regisseure
Nicolas „Léo“ Turon und Birgit Vaith. Entstanden ist ein burleskes, freches
und aufregendes Theaterstück, das bei der Premiere am 16. Mai im
französischen Hettange [...] vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.
„Die Grenze“ wird jetzt am Donnerstag, 25. September, 20 Uhr, als
Deutschlandpremiere und
zusätzlich am Freitag, 26.
September, 9.30, 11 und 20 Uhr im Alten Wasserwerk in Lörrach zu sehen sein.
Das Kerngerüst des Stücks konzipierten Vaith und Turon gemeinsam. Die
detaillierte Auseinandersetzung mit den Charakteren gaben sie dann in die
Hände der Gruppe. Durch Improvisation wurde ein Stück definiert, dass sich
mit der Thematik der Grenzerfahrung und Grenzüberschreitung
auseinandersetzt. Die Regisseure legen Wert darauf, dass es letztlich um
innere Hindernisse und Hemmungen geht, die es zu überschreiten gilt.
Inhaltlich handelt das Stück, dass als eine Art Gleichnis konzipiert wurde,
von zwei Familien in einem Dorf, die sehr verschieden sind. Trotz ihrer
Gegensätzlichkeit kommen sie zunächst gut miteinander aus, bis ein
unerwarteter Tod eine Grenze entstehen lässt. Im Verlauf des Stücks steigert
sich die Grenzziehungshysterie. Gesetze werden erlassen, die verbieten,
Tauben zu füttern, verliebt zu sein und die Grenze zu passieren; selbst das
Sterben steht schließlich als unerlaubt auf dieser absurden Liste.
Irgendwann regt sich jedoch in beiden Familien ein Widerstand. Es kommt zu
Schmuggel, Sabotage und Bestechung - die Grenze wird überschritten.
Der Eintritt beträgt für
Jugendliche 5, für Erwachsene 8 und für Gruppen und Klassen 30 Euro; weitere
Infos:
www.letroupo.com ,
www.nellie-nashorn.de
BZ
vom 24.09.2008
Junge Schauspieler wollen Grenzen einreißen im Kopf
Theaterstück "Die
Grenze/La Frontière" von "Junges Theater Nellie Nashorn" und "Les
Hippopotames" hat am Donnerstag Premiere
LÖRRACH (rud). Die zweite gemeinsame Produktion des "Jungen Theater Nellie
Nashorn" und "Les Hippopotames" aus Frankreich ist ein Theaterprojekt, das
sowohl räumlich als auch thematisch Grenzen überschreitet. Folgerichtig
heißt es "Die Grenze/La Frontière" . Nachdem das Stück im Mai in Frankreich
zuerst erfolgreich Premiere gefeiert hat und seitdem mehrmals jenseits der
Grenze aufgeführt wurde, überschreitet es jetzt die Grenze. Die deutsche
Premiere geht am Donnerstag, 25. September, um 20 Uhr im Alten Wasserwerk
über die Bühne.
Anders als beim Vorgänger "Paris 1900" vor zwei Jahren gibt es von "Die
Grenze" zwei Versionen, was vor allem dem Mehr an Text geschuldet ist. Bei
der ersten Zusammenarbeit wurden durch eine Geschichte verbundene Szenen
noch vornehmlich pantomimisch vorgetragen. Die Franzosen, so berichtet
Regisseurin Birgit Vaith, die das Grundkonzept für das Stück mit ihrem
französischen Kollegen Leo Turon ausgebrütet hat, sprächen auf jeden Fall
mehr Deutsch als umgekehrt.
Das Schlagwort "Grenze" gab der 15-köpfigen Gruppe die grobe Basis, auf der
sie das Gleichnis eines Dorfes mit zwei gegensätzlichen Familien aufbaute.
Eine Tragödie macht sie plötzlich zu Feinden. Das ist der Beginn für eine
Grenze, die im Laufe des Stücks immer weiter ausgebaut wird, bis niemand sie
mehr passieren darf. Reizvoll ist die Mischung, die viel Dynamik in die
Arbeit gebracht hat: Die beiden Familien, die schon äußerlich
unterschiedlich daherkommenden bunten "Socken" ("Chausettes" ) und die
schwarz gekleideten "Tots" ("Croquemorts" ), sind nämlich jeweils mit
Spielern sowohl aus Frankreich, als auch aus Deutschland, also
nationenübergreifend besetzt. In dem Theaterstück sind beide Gruppen um ein
baldiges Ende der Grenze bemüht, die aber nicht nur materiell gemeint ist,
sondern im übertragenen Sinn auch für innere Blockaden oder Barrieren steht.
BZ
vom 19.06.2008
Grenzen abbauen beim gemeinsamen
Theaterspiel
Kooperation zwischen Lörracher und französischer Gruppe
LÖRRACH (BZ). Sowohl räumlich als auch thematisch ist die zweite gemeinsame
Produktion des "Jungen Theater Nellie Nashorn" und "Les Hippopotames" aus
Frankreich ein Theaterprojekt, das Grenzen überschreitet. Es heißt "Die
Grenze/La Frontière“ .
Wie schon 2006 haben die beiden Ensembles eine Koproduktion auf die Beine
gestellt und am 16. Mai in Frankreich erfolgreich Premiere gefeiert. Das
Grundkonzept für das erarbeitete Stück haben die beiden Regisseure, Leo
Turon und Birgit Vaith, ausgebrütet. Die genaue Erarbeitung der kompletten
Geschichte, der einzelnen Figuren und der Szenen haben sie aber in die Hände
des gesamten Teams gelegt. Dabei sind sie ähnlich vorgegangen wie bei "Paris
1900", der ersten Koproduktion der Gruppen - auch wenn dieses, anders als
das aktuelle Projekt, aus vornehmlich pantomimisch vorgetragenen und nur
grob durch eine Geschichte verbundene Szenen bestand. Diese wurden in
Improvisations- und Brainstorming-Runden erarbeitet.
Dieses Mal war das
Schlagwort "Grenze" die grobe Basis, auf der sich das Gleichnis eines Dorfes
mit zwei gegensätzlichen Familien aufbaut. Die Familien kommen zunächst gut
miteinander aus. Eine Tragödie macht sie plötzlich zu Feinden. Dabei sind
die Gruppen, genannt "Socken" oder "Chausettes" und "Tots" beziehungsweise "Croquemorts",
jeweils mit beiden Nationalitäten besetzt. Diese Unterteilung habe viel
Dynamik in die Arbeit gebracht, erzählt die "Socke im Widerstand" , Kirstin
Quartier. Man habe viel zusammen geprobt innerhalb der "Familie" und einen
gewissen Stolz entwickelt - internationale Identifikation über ein Stück
Fußbekleidung sozusagen. Trotzdem sei natürlich keine echte Spaltung
erfolgt. Auch im Stück sind beide Gruppen um ein baldiges Ende der Grenze
bemüht, nachdem sie bemerken, wie sehr sie einander brauchen. Parallelen zu
konkreten realen Grenzen und echten Entwicklungen suchten Birgit Vaith und
ihr Französischer Kollege Turon dabei aber nicht. Überhaupt seien nicht nur
materielle Barrieren gemeint, sondern auch innere Blockaden und Hindernisse.
Anders als bei "Paris 1900" gibt es zwei Versionen des Stücks, was aus dem
Mehr an Text resultiert. Dabei sprechen die Franzosen mehr Deutsch als
umgekehrt. In den Genuss der deutschen Fassung kommt das Lörracher Publikum
erst im September, wenn mehrere Aufführungen der Französischen Version
hinter den Ensembles liegen. Dann wird "Die Grenze" im Nellie Nashorn zu
sehen sein.
BZ
vom 04.03.2008
Grenzerfahrungen der bunten Socken und der "Croques morts"
Erstes Probenwochenende im Nellie Nashorn für das zweite gemeinsame
Theaterprojekt von Jugendlichen aus Lörrach und Lothringen: "La frontière -
die Grenze"
Von unserer Mitarbeiterin Barbara Ruda
LÖRRACH. Die Jugendlichen sprechen Französisch oder Deutsch - je nachdem, in
welcher Sprache es gerade die besseren Wörter gibt. "Mehr oder weniger
verstehen alle mehr oder weniger gut" , sagt Birgit Vaith, und fügt nach
kurzem Nachdenken hinzu "vielleicht 98 Prozent" . Zusammen mit Leo Turon
studiert die Lörracher Theaterpädagogin die zweite gemeinsame Inszenierung
des Jungen Theater Nellie Nashorn mit "Les Hippopotames" aus Frankreich ein.
Nach den ersten beiden Arbeitsphasen im Nachbarland probte die 15köpfige
Gruppe am Wochenende erstmals in Lörrach - eine spannende Angelegenheit für
beide Seiten.
Ungefähr die Hälfte des neuen Stücks "La frontière - Die Grenze" steht
schon. Das ist der grobe Rahmen, die feinen Maschen dazwischen werden
während des Arbeitsprozesses nach und nach geknüpft. Wiederum handelt es
sich um eine Eigenproduktion, deren Szenen mit einem anfänglichen
Brainstorming und anschließenden Improvisationen gemeinsam erarbeitet
wurden.
Schon anhand der Kleidung der Spieler bei der Probe im Nellie Nashorn wird
offensichtlich, dass in dem Stück zwei unterschiedliche Gruppen agieren: die
"Socken" , das ist ein kunterbuntes Phantasievölkchen, und die schwarzen
"Croques Morts" , die die Toten in die Zehen beißen um festzustellen, ob sie
wirklich tot sind. Besetzt sind diese beiden Gruppen jedoch gemischt mit
Franzosen und Deutschen. Zu Beginn leben sie, obwohl sie so verschieden
sind, in Harmonie - bis bei einem Fest einer zu Tode kommt. Das ist der
Beginn für eine Grenze, die im Laufe des Stücks immer weiter ausgebaut wird:
eine Grenze wie zwischen zwei Nationalstaaten, im übertragenen Sinn aber
auch eine innere Grenze. Wie es an einer Grenze so ist, werden die Verbote
immer absurder - eine Schilderparade zeigt es an. Tauben füttern, die Liebe,
ja sogar das Sterben sind nicht gestattet, und passieren darf die Grenze
niemand mehr. Auf beiden Seiten wird immer stärker versucht, dieses System
auszutricksen, die "Résistance" wächst. Die jungen Spieler haben da alles
hineingepackt, was sie aus der Geschichte des Widerstandes kennen:
Schmuggel, Sabotage, Bestechung. Eine Schaufel ist ein starkes Symbol, das
beides bedeuten kann: Gräben auszuheben und einen Durchschlupf zu schaffen.
Zwei Jahre ist es her, dass die beiden Gruppen aus Lörrach und Lothringen,
nachdem sie sich bei den Theatertagen kennengelernt hatten, ihre
Zusammenarbeit begonnen haben. Und wie profitieren sie von der gemeinsamen
Theaterarbeit? "Wir stellen uns diese Frage eigentlich gar nicht mehr" ,
antwortet Kirsten. "Für uns ist es normal geworden, wie in einer Familie.
Wenn wir hier zusammen sind, ist die Arbeit seriöser, konzentrierter, weil
man durch die Sprachbarriere immer am Ball bleiben muss. Der begrenzte
Zeitraum bewirkt auch, dass man sich zusammenrauft und ihn möglichst optimal
nutzen will." Pauline aus Frankreich fügt hinzu: "Man profitiert auch von
den verschiedenen Arbeitsweisen." Der Leiter von "Les Hippopotames" mache
ganz stark visuelles Theater, sagt Birgit Vaith. Sie selbst lege auch großen
Wert auf Bilder, aber Leo Turon habe noch mehr Bewegung drin. Das
gegenseitige Lernen bleibt also nicht auf die 14- bis 19-jährigen Spieler
beschränkt. Am 16. Mai soll "La frontière - die Grenze" in Etange aufgeführt
werden, im September in Lörrach.
Die
Oberbadische vom 01.03.08
Theater überwindet Grenzen
Junges Theater Nellie Nashorn und Les Hippopotames aus Frankreich proben
gemeinsam
Von Gabriele Hauger Lörrach.
Eine Mischung aus Gruppengefühl und Konzentration herrscht derzeit im
Proberaum im Nellie Nashorn. Die Schauspieler des Jungen Theater Nellie
Nashorn und von Les Hippopotames aus Lothringen proben hier ihr neues,
zweites gemeinsames Stück Die Grenze.
Klar gibt es sprachliche Missverständnisse. Das kann aber manchmal
überraschend kreativ sein, konstatiert Kirstin in der Probenpause. Außerdem
seien Deutsche und Franzosen mittlerweile fast wie eine Familie. So
jedenfalls empfinden es die jungen Schauspieler im Alter zwischen 13 und 19
Jahren, die sich erstmals beim Internationalen Theatertreff in Lörrach
kennengelernt hatten. Schnell entstand über Regisseurin Birgit Vaith die
Idee, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Die Lothringer spielen ein
sehr visuelles, bildstarkes Theater. Das gefällt mir, und das passt zu uns.
Im übrigen können wir wunderbar voneinander lernen. Zustimmend nickt der
französische Regisseur Leo Turon. Man sei neugierig aufeinander gewesen. Das
erste gemeinsame Stück Paris 1900 war ein voller Erfolg. Mit Die Grenze
möchten die Schauspieler daran anknüpfen.
Die Proben sind intensiv, laufen von morgens bis abends. Schließlich ist
nicht allzu viel Zeit, man wohnt rund 300 Kilometer voneinander entfernt,
und die Premiere in Frankreich ist bereits im Mai. In Lörrach wird das Stück
im September zu sehen sein.
Die Grenze ist eine Eigenproduktion. Es begann mit Brainstorming,
Improvisationen und Assoziationen sowie Recherchen zum Thema Grenzen.
Gemeint sind dabei keineswegs nur nationale Grenzen, erläutert Birgit Vaith.
Es geht hier auch um innere Grenzen. Die Ideen der jungen Schauspieler
flossen reichlich. Dabei hat sich folgender Inhalt herauskristallisiert:
Zwei unterschiedliche Volksgruppen leben zunächst friedlich miteinander,
feiern gemeinsame Feste. Durch Zufall gibt es einen Toten. Die Empörung
wächst, Grenzen und Verbote entstehen. Diese nehmen an Stärke zu, wachsen
sich zu ordentlicher Skurrilität aus: Es ist verboten zu lieben, zu sterben,
Tauben zu füttern. Doch es wächst der Widerstand, Sabotage und Schmuggel
blühen. Schließlich kommt es zum Grenzübertritt...
Das schwierige Thema wird in starken, klaren Bildern erzählt, die Sprache
spielt eine größere Rolle als beim ersten Stück. Kein Problem für die
Schauspieler. Ich hatte erst Befürchtungen, dass ich zu wenig Französisch
kann, erzählt Silke. Aber: Wir haben die Sprachbarrieren ganz locker
überwunden. Es ist faszinierend, wie man sich jenseits aller Worte über das
Theater verständigen kann, ergänzt Lukas.
Los! und Allez!, heißt es dann vom Regisseur-Duo. Schließlich muss noch viel
geprobt werden.
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