| Zum Stück
Die Anführer zweier
Jugendbanden, die ihre Feindschaft bis zum gegenseitigen Totschlag treiben,
erhalten eine zweite Chance. Murat und Frank werden zu einer Zeitreise
eingeladen in der sie noch einmal neu anfangen können. Bedingung ist, dass
sie im Körper des jeweils anderen agieren. Eine abenteuerliche Reise
beginnt, auf der so viele Pannen passieren, dass es zum Verzweifeln wäre,
gäbe es nicht gleichzeitig viel zu lachen und die Hoffnung, dass sich die
Raufbolde als lernfähig erweisen.
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Presse
BZ vom 23.07.2007
Zeitreise im Körper
des anderen
Junges Theater Nellie Nashorn thematisiert in "Ganz oder gar nicht"
Gewalt unter Jugendlichen
Nach "Eins auf die Fresse" hat die mittlere Gruppe des Jungen Theaters
Nellie Nashorn aus Lörrach mit "Ganz oder gar nicht" wiederum ein Stück
einstudiert, das sich so kritisch wie humorvoll mit der alltäglichen Gewalt
unter jungen Menschen auseinandersetzt. Viele Umstände müssen sich die
Mitarbeiter des Verwaltungsbüros für irdische Angelegenheiten im Fall der
befeindeten Anführer zweier Jugendgangs machen, die sich bis zum Tod
bekämpft haben.
Gleich zu Beginn lassen die zehn Spielerinnen und zwei Spieler das Publikum
in Form eine Augenzeugen-Reportage der Ober-Verwaltungsangestellten
miterleben, wie Murat und Frank im Kampf von einem Flachdach stürzen. Die
beiden haben jedoch Glück, dass dem Chef der mit Engelsflügeln
ausgestatteten Büromannschaft der Geduldsfaden gerissen ist und er für ihre
sechs Milliarden Zeitgenossen auf der Erde ein Exempel statuieren will. Mit
Sondermaßnahme 14 b soll erreicht werden, dass sich Murat und Frank besinnen
und mit ihrem sinnlosen, selbst zerstörerischen Tun aufhören. Dazu werden
sie im Körper des jeweils anderen auf eine Zeitreise geschickt. Außerdem
müssen sie immer zusammen reisen.
Ensemble
bricht bitter-ernsten Stoff auf einer humorvolle Ebene
Im
Stroboskopgewitter geht es los in die Vergangenheit — nur um sich sofort die
ewig gleichen Argumenten um die Ohren zu schlagen: Der Türke Murat (Philip
Honold, der in seiner mit Kanack-Sprack und Fäkalausdrücken durchsetzte
Gangstersprache herrlich überspitzt kraftmeiert) und sein deutscher
Kontrahent Frank (Swenja Müller, die souverän die Geschlechterrolle
wechselt) sehen nicht, dass sie eigentlich im selben Boot sitzen und geben
stattdessen dem jeweils anderen die Schuld an der eigenen, wenig rosigen
Situation. "Ihr nehmt uns die Arbeitsplätze weg, und unsere Mädchen auch"
oder "Ihr kriegt immer alles, wir hassen euch" . Genau die selben Phrasen,
die auch die Höhlenmenschen, die Türken vor Wien oder Ankläger und Zaungäste
bei einem Hexenprozess im Mittelalter gebrauchen: Immer wird das Fremde mit
Gefahr gleichgesetzt und muss deshalb zerstört werden. Tausendfach Gehörtes
wird aber nicht wahrer, wenn es zum 1001. Mal gesagt wird. Als Murat und
Frank in Ostberlin im Jahr 1982 ankommen, sorgen sie dort nicht nur für
totale Verwirrung, weil sie aus der Zukunft kommen. Dort dämmert es ihnen
endlich und sie finden zueinander.
Hervorragend gelingt es dem versierten Ensemble, den durchaus bitter-ernsten
Stoff auf einer humorvollen Ebene zu brechen, indem viele Register moderner
Theaterkunst gezogen werden: da wird das Gemälde von den beiden auf dem
Bilderrahmen fletzenden Engeln zitiert und variiert, oder kommentieren die
Geflügelten im Chor das Geschehen mit süßlichen "Dongs" oder einem
Unisono-Countdown. Da gehaben sich die Mönche vordergründig "heilig" , doch
unter der Kutte ziemlich lüstern. Überhaupt gibt es nur eine große rote
Kiste als Kulisse und ein paar wenige Versatzstücke dazu.
Bei der Premiere am Freitag laufen durchweg alle Spieler zu Hochform auf:
Kirstin Quartier kann viele Gesichter zeigen, weil sie ein Mädchen gibt, das
in allen Zeitstationen auftaucht. Auch die anderen schlüpfen gleich in
mehrere Rollen. Maren Hätty glänzt besonders als Stasi-Offizier Brückmann,
Jonas Huth als verrückter türkischer Hauptmann, Petra Jeroma als Ober-Engel,
Mathilde Leibfried als Soldat, Kathrin Maliszewski als Höhlenmensch
Gurrmurrkuk, Marlene Meissner als Stasi-Wender, Franziska Mohr als ruchloser
Ankläger, Leonie Reissner als Schamanin und Amelie Tittel als Jenö.
Regisseurin Birgit Vaith kann stolz auf die Leistung ihrer ältesten Gruppe
am Nellie Nashorn sein. Die langjährige Arbeit trägt sicht- und hörbare
Früchte. Völlig zurecht gab es begeisterte Ovationen vom Publikum.
Barbara
Ruda
BZ vom 19.07.2007
Die zweite Chance
nutzen
Das Junge Theater Nellie Nashorn spielt "Ganz oder gar nicht" / Zeitreise
mit Hindernissen
Von unserer Mitarbeiterin Barbara Ruda
LÖRRACH. Wieder steht eine der drei Gruppen des Jungen Theaters Nellie
Nashorn vor einer Premiere. Es ist die mittlere oder "Urgruppe" , wie
Spielleiterin Birgit Vaith sagt. Sie gründete sich vor acht Jahren und
arbeitete seither konstant zusammen. Die zehn Spielerinnen und zwei Spieler
zwischen 15 und 17 Jahren haben sich das Stück "Ganz oder gar nicht"
vorgenommen, das sie wie immer so überarbeitet haben, dass es für das
Ensemble passt.
Darin geht es um Murat und Frank, zwei Anführer von Jugendbanden, die sich
bis zum Totschlag bekämpft haben. Im "Verwaltungsbüro für irdische
Angelegenheiten" bekommen sie eine zweite Chance. Damit fängt die Geschichte
an. In diesem Büro laufen auch die Fäden der Geschichte immer wieder
zusammen, es dient gleichsam als Rahmen. Die Leute im Büro interpretiert das
Junge Theater Nellie Nashorn "beflügelt" , jedoch sind sie nicht eindeutig
als Engel auszumachen. Sie können sich mit Abstand zur eigentlichen
Geschichte anschauen, was sich zwischen Murat und Frank abspielt — nie von
einem moralischen Standpunkt aus, sondern eher persiflierend. Aus der Warte
des Todes werden die Querelen auf der Erde ad absurdum geführt.
Murat und Frank bekommen für ihren "Neuanfang" einen Transmitter und einen
Atlas, damit können sie sich zurückbeamen — allerdings müssen sie das im
Körper des jeweils anderen tun und zudem müssen sie immer zusammen reisen.
Am Anfang klappt das gar nicht. So landen sie bei den Höhlenmenschen, später
im Krieg der Türken gegen das Abendland oder bei Hexenprozessen der Kirche.
An all diesen Orten taucht ein junges Mädchen auf, und überall gibt es
Probleme mit den Fremden, die vernichtet werden müssen, damit sie einem
nicht zu nahe kommen. Die letzte Station auf der Zeitreise ist die DDR.
Zwischen den Sektoren gehen Frank und Murat endlich aufeinander zu.
Gespielt wird mit nur einer Kiste als Kulisse und wenigen Versatzstücken als
Kostüme. Magdalena Vaith macht die Technik und Musik, und Lukas Löffler
zeichnet für Plakat und Flugblatt verantwortlich.
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