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BZ vom 12.07.2007
Eine 80 Jahre alte
aktuelle Geschichte
Die erste Aufführung unter freiem Himmel der Theatergruppe Gut & Edel in
Lörrach litt etwas unter dem schlechten Wetter
Eine Openair-Aufführung der Theatergruppe Gut & Edel gab es noch nie, titelt
der grüne Handzettel, der das neue Stück "Der Räuber" anpreist. Mit der
Entscheidung, ein Theaterstück erstmals unter freien Himmel im Garten des
Nellie Nashorns in Lörrach aufzuführen, war Vaclav Spirit am Premierenabend
"glücklich unglücklich." Die Bühne war ein Schlammteich, die Zuschauerbühne
nass und dazu wehte noch ein kühler Wind, der nicht nur die Zuschauer
sondern auch die Schauspieler der Theatergruppe Gut&Edel frösteln ließ.
"Doch Theater ist Illusion" , meinte Spirit ein wenig trotzig und deshalb
entschied man sich, das Stück trotz des kühlen Sommerwetters und der
drohenden Regenschauer unter freien Himmel zu spielen. Eine Entscheidung die
auch niemand bereuen sollte, denn genau für die Dauer des Stückes, nämlich
ganze 90 Minuten, erreichte kein einziger Regentropfen die Erde.
Stattdessen taucht er
einfach so auf, steht vor dem vergitterten Haus mitten im Wald — der junge,
fröhliche Mann (Stefan Oesterlin). "Was wollens hier" , fragt das
Dienstmädchen Franka (gespielt von Ingrid Weinmann) verächtlich den
Jüngling. "Erdbeeren suchen" , ist seine lakonische Antwort. Und ehe er sich
versieht, erscheint Mimi (Lena Philipp), die in diesem Haus, dass einer
Festung gleicht, zu Hause ist. Es passiert, was passieren muss: Sie verliebt
sich in den schönen jungen Mann, der keinen Namen hat und der das Leben der
Haus- und Dorfbewohner allein durch seine Anwesenheit von Grund auf
verändern wird. Er ist der Räuber, aber kein Räuber, der Dinge stiehlt,
sondern ein Räuber, der tief in der Menschenseele verborgenen Geheimnissen
wieder ein Bewusstsein verschafft.
Der tschechische Schriftsteller Karl
Čapek
hat die Vorlage für das Stück geschrieben. Nachdem
Čapek
acht Jahre an diesem Stück gearbeitet hatte, beendete er seine Erzählung im
Jahr 1920. Es ist eine Geschichte über die verborgenen Sehnsüchte und
geheimen Wünsche der Menschen, die sie, gebunden an gesellschaftliche
Konventionen, verdrängen. Eine Geschichte, die, obwohl sie schon mehr als 80
Jahre alt ist, immer noch aktuell ist und dementsprechend modern auch von
Spirit umgesetzt wurde.
In rote Uniformen gekleidet und mit Clownbemalung im Gesicht kommentiert ein
fünfköpfiger Frauenchor nicht nur mit Gestik, Stimme und Instrumenten,
sondern mit ulkiger Mimik das Geschehen rund um das kleine Haus im Wald. Sie
beobachten mit Argusaugen, wie sich Mimi in den Mann ohne Namen verliebt,
wie sie ihm ihr Herz öffnet und ihren Gefühlen freien Lauf lässt, wie sie
aus den Zwängen ausbricht, die ihr auferlegt wurden. Doch so romantisch das
klingen mag, diese Szenen sind weder schwer romantisch und kitschig, sondern
überzeugen durch ihre witzigen Dialoge. Sind die Szenen dann doch im Begriff
allzu sehr in das Klischee Liebesszene abzudriften, ist es die Formation der
rot uniformierte Sängerinnen, die durch ihre Kommentare den
Unterhaltungsfaktor rettet.
Doch "Der Räuber" will nicht nur unterhalten, er ist vor allem lehrreich.
Durch seine Räuberaugen soll das Publikum wahrnehmen, welchen
gesellschaftlichen Zwängen es sich unterwirft, welchen Zielen man stumpf
folgt, nur um der Karriere willen, welche Kompromisse eingegangen werden,
nur um angepasst leben zu können. Deutlich wird dies an der Figur der Lola
(Miriam Reng), der Schwester von Mimi. Als gebrochener Mensch tritt sie am
Ende des Stückes auf und relativiert die unterdrückten Wünsche und
Sehnsüchte. Denn sie ist ihren Wünschen gefolgt, hat sich ihren Räuber
hingegeben. Damit wird offenbar, dass ein erfülltes Leben nur derjenige
führen kann, der zwischen persönlichen Wünschen und gesellschaftlichen
Ansprüchen die Balance findet.
Kornelia Schiller
Die Oberbadische vom 12. Juli 2007
Frech, furchtlos, frei
Gut & Edel:
Freilicht-Premiere im Nellie-Nashorn mit: „Der Räuber“
Von
Norman Riebesel
Lörrach. Für die
Theatergruppe Gut & Edel war die Aufführung von „Der Räuber“ am Dienstag
gleich eine doppelte Premiere: Es war die erste Vorstellung des Stückes und
das erste Mal, dass unter freiem Himmel gespielt wurde. Dabei war nach den
Worten des Regisseurs Vaclav Spirit bis kurz vor Beginn noch nicht einmal
klar, ob die Veranstaltung nicht buchstäblich ins Wasser fallen würde. Eine
Verlegung ins Gebäude ist nämlich nur vorgesehen, wenn es nach begonnener
Vorstellung anfängt zu regnen, „weil der Zuschauer dann schon das Bühnenbild
im Kopf hat“. Dieses ist harmonisch in den Park eingebettet und macht sich
die örtlichen Gegebenheiten zu Nutze.
Wer nach einem flüchtigen Blick auf den Titel Schiller erwartet hatte, wurde
eines besseren belehrt. Wenngleich man Karl Moor nicht begegnet, hat ein
Zitat von ihm hier doch einige Berechtigung: „Das Gesetz hat noch keinen
großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten
aus.“
Um Freiheit geht es auch in dem Stück des tschechischen Autors Karel
Čapek.
Allerdings nicht um republikanische Freiheit: Čapeks Räuber (Stefan
Oesterlin) ist ein reiner Anarchist. Er stößt bei einem Streifzug durch den
Wald auf die junge Mimi (Lena Philipp), die von ihren Eltern buchstäblich in
einem goldenen Käfig gehalten wird. Sie verliebt sich sofort in den
unbeschwerten jungen Gesetzlosen. Ihr Vater (Andreas Vaith) versucht, diese
Liebe zu unterbinden. Er sieht seine eigene Position im Leben und sein
Dasein durch die stürmische und ungebundene Wildheit und Leidenschaft des
Räubers gefährdet. Wie ein Mantra wiederholt er: „Die Jugend muss man
brechen!“
Der Räuber nimmt die Kampfansage an und macht sich daran, Mimi vollends zu
erobern und alles zunichte zu machen, was dem Professor wichtig ist. So wird
der Angriff der Jugend auf überkommene Werte zum beherrschenden Thema des
Stücks. Dabei erkennt jeder der Akteure in dem Rebellen den Helden seiner
Kindheit wieder. Wer am Ende den Sieg davon trägt, bleibt offen.
Vaclav Spirit wollte „ein Volksstück im positiven Sinne“ inszenieren. Um
dieses Ziel zu erreichen hatte er eine geniale Idee: fünf Sängerinnen, die
die Handlung auf der Bühne musikalisch begleiten und ins Lächerliche ziehen,
wodurch die komische Wirkung potenziert wird. Darüber hinaus stachen die
schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller, Lena Philipp und
Stefan Oesterlin, hervor, die ganz in ihren Rollen aufgegangen sind.
Der Sonntag vom 8. Juli 207
Freiheit
und Gefangenschaft
Die
Lörracher Theatergruppe Gut & Edel spielt Karel
Čapeks
„Der Räuber“
Von
Annette Mahro
Nicht
um die, sondern um den Räuber geht es. Und Friedrich Schiller hat hier auch
keine Karten im Spiel.“ Dann schon eher Shakespeare“, sagt Regisseur Vaclav
Spirit, „und wenn überhaupt eine Verwandtschaft besteht, dann zu Romeo und
Julia.“ Das Stück, das Spirit und seine Lörracher Theatergruppe „Gut & Edel“
als jüngste Produktion gerade in Szene setzen (Premiere am Dienstag, 10.
Juli), stammt aus der Feder des tschechischen Autors Karel
Čapek.
Dessen
Stück „Der Räuber“ rankt sich um Jugend und Verführung, um das Auf- und
Einbrechen von Gittern und. Grenzen und den neidvollen Blick der Alten auf
die, die alle Türen erst auf- und längst noch nicht wieder hinter sich
zustoßen. Čapek,
dessen Leben vom ersten Weltkrieg geprägt ist und das am Vorabend des
zweiten früh zu Ende ging (1890- 1938), mischt in das große Thema des
Generationenkonflikts aber auch die Frage nach Freiheit und Gefangenschaft.
Spirits Landsmann denkt laut darüber nach, ob Recht und Gesetz immer
dasselbe sind und wer bestimmt, „was man darf“ oder eben auch nicht.
Sein
1920 veröffentlichtes und im gleichen Jahr uraufgeführtes Stück um eine von
ihren Eltern im goldenen Käfig eingesperrte Tochter und ihren barfüßigen
Verführer ließe unendlich viele Interpretationen zu bis hin zu historisch –
rückblickenden aber auch gleich weit vorausschauenden Anspielungen. Ort der
Handlung ist eine Villa auf dem Land, oder genauer gesagt Platz davor und
der das Anwesen umgebende Wald. Die Villa hat ein Vater zur Festung
ausgebaut, nachdem seine ältere Tochter vor Jahren bei Nacht und Nebel aus
der Familie geflohen ist.
Mimi,
die Jüngere, lebt seitdem mit und von ihren Eltern beschützt und
eifersüchtig bewacht in einem ummauerten, gitterbewehrten Haus. Ein
zusätzlicher Sittenwächter ist ihr in Fanka, dem Dienstmädchen (Ingrid
Weinmann) zur Seite gestellt. Gerade aber als einmal tatsächlich niemand im
Haus ist außer Mimi, gespielt von Lena Philipp, betritt Stefan Oesterlin als
Räuber die Szene. Für seinesgleichen ist er allerdings eine äußerst
untypische Erscheinung und sehr viel näher am Helden als am Bösewicht, wie
es scheint.
Der Räuberheld scheint jeden Gedanken lesen zu können, Mimis sowieso und
auch noch ihre Geschichte und die der Schwester gleich dazu zu kennen. Der
Vater, im Stück Professor genannt (Andreas Vaith), wird ihn später zu Rede
stellen, aber ebenso an ihm, dem alle Türen offen stehen, scheitern wie der
Förster (Stefan Stock), der offenbar selbst ein Auge auf Mimi geworfen hat.
Jeder will schließlich etwas anderes im „Räuber“ sehen. Vom gewöhnlichen
Kriminellen, der da so plötzlich im Wald aufgetaucht ist, bis hin zum
Terroristen reichen die Vermutungen. Die Zigeunerin flieht Verwünschungen
ausstoßend seine Nähe, nachdem sie in seiner Hand gelesen hat.
Einen märchenhaften Zug bekommt das Stück, das Vaclav Spirit trotz seines
ernsthaften Inhalts als Volkskomödie verstanden wissen will, durch einen
Chor von fünf Sängerinnen, die immer und überall auftauchen, einzeln die
Szenen beobachten und sie vor allem singend und musizierend begleiten und
kommentieren. Für eine ganz spezielle Atmosphäre sorgt aber vor allem die
Art der Aufführung, die Vaclav Spirit mit seinem Team eingerichtet hat.
Erstmals wird dafür der Nellie Nashorn-Garten genutzt. Den alten Gartenkiosk
hat Bühnenbildner Florian Porsche zur festungsgleichen Villa umgebaut,
nachdem die ursprüngliche Idee, einzelne Szenen auf dem Balkon des Nellie
Nashorn-Hauptbaus zu spielen, wieder verworfen wurde. Sollte es an den
Aufführungstagen regnen, bleibt die gewohnte Nellie-Bühne als
Ausweichquartier. |